Per Handy wurde Wissenschafts- und Wirtschaftsministerin Wolff von CDU-Ministerpräsident Haseloff entlassen (im engen Zusammenwirken mit Finanzminister Bullerjahn, der offenbar selbst mit Rücktritt gedroht hatte, würde Wolff nicht rausgeworfen), einen Tag nachdem ihr Nachfolger bereits feststand. Stillos hoch 2, denn die Entlassungsurkunde gab's am Montag hinter verschlossenen Türen; eine Mitteilung auf der Website des Landes mit einem Dankeschön suchte man vergeblich: Michael Anders schlug deshalb den Twitter-Hashtag "Angsthasi" vor. Zurecht. Stilvoll: Von Studenten gab's Blumen mit einem "Tröster-Lolly".

Selbst ein Mitglied des CDU-Landesvorstandes, das (natürlich!) ungenannt bleiben will, gibt der Mitteldeutschen Zeitung zu Haseloffs Handeln zu Protokoll: „Es gibt ein hohes Maß an Verärgerung und Enttäuschung“. Ein MZ-Leser kommentierte (und warnte einen anderen Minister):
Lieber Herr Dorgerloh,
passen auch Sie nur gut auf, immer fein kuschen!
Sonst lässt Sie der Herr Bullerjahn über sein Call-Center entlassen.
Ihr Georg Claus
Der Ministerwechsel passierte ohne Abstimmung mit der CDU-Landtagsfraktion, die erst am Dienstag "sich über die neue Situation austauschen" konnte. Die Situation danach (und vor der Aktuellen Debatte im Landtag zu diesem Thema) brachte die Mitteldeutsche Zeitung auf den Punkt: "trügerische Ruhe", änderte dann aber die Überschrift des Online-Artikels: "Haseloff nach Minister-Rauswurf bedroht". Bei aller berechtigter Kritik am Handeln des Ministerpräsidenten und seines Finanzministers (bzw. an den sie tragenden Fraktionen): Bedrohung - Das geht gar nicht!
Einige Reaktionen der politischen Öffentlichkeit auf Facebook bzw. in den Kommentaren zum jeweiligen Artikel, z.T. mit weiterführenden Links zur andauernden und intensiven Kritik der Entscheidung durch Bürgerinnen und Bürger des Landes (und darüber hinaus):
Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft:
Lippmann: „Verfall der politischen Sitten – Finanzdogma siegt über Sachverstand“
Die Bildungsgewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Sachsen-Anhalt zeigt sich auch am Tag nach der Entlassung der Wissenschafts- und vormaligen Kultusministerin, Prof. Dr. Birgitta Wolff, entsetzt über den Verlust von politischer Kultur in der Landesregierung und über die Rücksichtslosigkeit, mit der offensichtlich die Vorstellungen zur Sanierung des Landeshaushaltes gegen jede fachliche Kritik durchgesetzt werden sollen.
„Die Entlassung von Frau Wolff signalisiert, dass Fachkompetenz in der Regierungspolitik des Landes keinen Platz mehr hat und von den Kabinettsmitglieder die bedingungslose Unterwerfung unter das Spardiktat des Finanzministers verlangt wird“, sagte GEW-Landeschef Thomas Lippmann.
Birgitta Wolff habe sich durch ihre Dialogbereitschaft und Offenheit für neue Wege trotz ihrer noch recht kurzen Amtszeit viel Achtung und Wertschätzung im Lande erworben – auch bei der GEW. Sie sei dabei auch schwierigen Themen, wie der Lehrerbildung, der Hochschulfinanzierung oder der Universitätsmedizin nie ausgewichen. „Wenn Bildung in Sachsen-Anhalt insgesamt und die Entwicklung der Hochschullandschaft insbesondere künftig nur noch aus dem Finanzministerium durch Personal- und Budgetkürzungen gesteuert und geprägt werden soll, ist dies einer modernen, innovativen Gesellschaft unwürdig und wird dem Land nachhaltigen Schaden zufügen“, fügte Lippmann hinzu.
Die GEW fordert in dieser Situation die Hochschulleitungen, die Studierenden und die Beschäftigten im Bildungsbereich auf, sich diesem Generalangriff auf Bildung und Wissenschaft in unserem Land entschieden entgegen zu stellen. Denn es sei davon auszugehen, dass die radikalen Einschnitte in das Bildungssystem eher weiter verschärft statt zurückgenommen würden und Ministerin Wolff nicht das letzte Opfer dieser Kahlschlag-Politik bleibt.
www.gew-sachsen-anhalt.de
Studierendenrat der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
Ministerin durch Sparer ersetzt
Wofür gibt es Minister_innen und wozu Ministerpräsident_innen? Erste Aufgabe von Minister_innen ist es, für ihr Fachressort im Sinne des Landes einzustehen und so die Entwicklung des Landes voranzutreiben. Das heißt auch, sich unter Umständen gegen die Meinung anderer Kolleginnen und Kollegen zu behaupten und um die beste Lösung zu streiten. Der oder die Ministerpräsident_in müssen hingegen dafür sorgen, dass die unterschiedlichen Ressorts zusammenkommen. Es geht darum zu vermitteln und zu moderieren und ja – an der einen oder anderen Stelle auch mal ein Machtwort zu sprechen. Eine Fachministerin jedoch zu entlassen, weil sie sich für ihr Ressort stark gemacht hat und gegen den verordneten Sparzwang aufbegehrte ist schlichtweg schlechter Stil. Mundtot machen und jemanden aus Niedersachsen holen, der als knallharter Sparer gilt – das zeigt nur eins: Auf der Suche nach guten Lösungen war Herr Haseloff nie. Ihm ging und geht es einzig und allein darum, den eigenen Willen durchzusetzen. Innovative Ideen erwartet man zumindest nicht originär von einem ehemaligen Finanzminister, der bislang keinerlei Erfahrungen in den Bereichen Wissenschaft und Wirtschaft nachweisen kann.
http://www.stura-md.de/2013/04/ministerin-durch-sparer-ersetzt/
Reaktion des Unirektors Prof. Strackeljan auf Entlassung von Wissenschaftsministerin Wolff
Heute scheidet Frau Prof. Birigitta Wolff aus ihrem Amt als Ministerin für Wissenschaft und Wirtschaft des Landes Sachsen-Anhalt. Die Entwicklung der vergangenen Tage, die zur Entlassung durch den Ministerpräsidenten Haseloff führten, sind äußerst bedauerlich, nicht nachvollziehbar und werden seitens der Uni als eindeutige Maßnahme zur Schwächung der Hochschulinteressen gewertet. Es trifft uns besonders, weil die Ministerin als Mitglied der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg (OVGU), als national und international geschätzte Kollegin und profunde Expertin des Wissenschaftssystems dieses Amt engagiert wahrgenommen hat. Sie war eine nachdrückliche Interessensvertreterin aller Hochschulen des Landes und hat einen von Transparenz und Offenheit geprägten Kommunikationsstil mit den Hochschulleitungen etabliert. Es war ihr ein großes Anliegen, die Kooperation zwischen Wissenschaft und Wirtschaft im neu geschnittenen Ministerium auszubauen und die Hochschulen als Triebfeder eines wirtschaftlich wachsenden Sachsen-Anhalts zu entwickeln. Weltoffen über den Tellerrand des Landes schauen, um gute Ideen auf die spezifischen Belange des Landes anzupassen, war eine Zielstellung von Ministerin Wolff. Dass ihre Ideen und die Amtsführung akzeptiert wurden, zeigt sich daran, dass sie in den Jahren 2011 bis 2013 im Ministerranking aller deutschen Wissenschaftsminister stets einen der beiden vorderen Plätze belegte. Der enge Kontakt zu ihrer Uni war auch während der Amtszeit vorhanden, und sie hat sich Diskussionen mit Studierenden und Lehrenden zu aktuellen Themen stets gestellt. Unser großer Dank gilt Birgitta Wolff für ihr großes Engagement und ihren bleibenden Beitrag zur Weiterentwicklung des Hochschulsystems in Sachsen-Anhalt.
Prof. Dr.-Ing. habil. Jens Strackeljan
Rektor der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
http://www.ovgu.de/home/Presse+_+Medien/Pressemitteilungen/PM+2013/April/PM+48_2013
Hochschulverbände
Der Sparkurs der Regierung sei eine Katastrophe und desaströs für die Zukunft der Wissenschaft des Landes, sagte der Geschäftsführer des Deutschen Hochschulverbandes, Michael Hartmer.
http://www.news4teachers.de/2013/04/hochschulverband-protestiert-nach-ministerinnen-entlassung-gegen-sparkurs/
Hochschulkuratorien
Offener Brief: Hochschul-Kuratorien danken Ministerin Wolff für ihren Einsatz
http://pressemitteilungen.pr.uni-halle.de/index.php?modus=pmanzeige&pm_id=2052
Reaktionen von Parteien/Politikern/Bürgern
Cornelia Pieper MdB (FDP-Landesvorsitzende): Welch ein Affront!
Petra Sitte MdB (Die Linke): Wer kritisiert, fliegt?
Cornelia Lüddemann MdL (Grüne-Landesvorsitzende): Kritik an der Entlassung von Frau Wolff, Pressemitteilung noch nicht auf der persönlichen Website, der der Fraktion und/oder des Landesverbandes eingestellt
André Schröder MdL (Vorsitzender der CDU-Landtagsfraktion): Dank für geleistete Arbeit - Herausforderungen bleiben für den Nachfolger
SPD: Keine Pressemitteilung der SPD-Landes- und -Fraktionsvorsitzenden Budde
Welle der Empörung nach der Entlassung von Wolff
Berichterstattung in den Medien
Mitteldeutscher Rundfunk
MDR: Heftige Kritik an Birgitta Wolffs Entlassung
Dazu Christian Buch, MDR, auf Twitter: "Großes Interesse an Bericht über die Entlassung von Wissenschaftsministerin Wolff. Knapp 20.000 Klicks"
Mitteldeutsche Zeitung
Kommentar von Chefredakteur Augustin: Der Meister scheitert
Sibylle Quenett: Führungsstil
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Entlassung einer Wissenschaftsministerin: Ruck, zuck
Neues Deutschland
Hendrik Lasch: Sachsen-Anhalt erhält Zweitfinanzminister
Science Blogs
Christian Reinboth: Ende einer Dienstreise
Deutschlandradio
Christoph Richter: Zukunftsfähige Wissenslabore oder Schmalspurausbildung in Sachsen-Anhalt - Folgen der Entlassung von Wissenschaftsministerin Birgitta Wolff
Wochenspiegel Bitterfeld
Empörungswelle nach Rausschmiss von Wolff rollt
Porträt
Birgitta Wolff - die Unbeugsame">Hendrik Kranert-Rydzy schreibt in der Mitteldeutschen Zeitung

MDR-Interview mit Prof. Dr. Wolff
Kerstin Palzer interviewt Prof. Dr. Wolff unmittelbar nach der Entlassung
http://www.mdr.de/sachsen-anhalt/wissenschaftsministerin-wolff-entlassen100.html
Sachsen-Anhalt heute berichtet ausführlich über den Amtswechsel (mit Möllring-Interview)
http://www.mdr.de/mediathek/fernsehen/video119270_zc-7931f8bf_zs-2d7967f4.html
Wissenschaftsminister-Ranking
Deutscher Hochschulverband